KI sicher nutzen: Ein praktischer Leitfaden für Anwälte
Mira war seit vier Monaten Junior-Anwältin, als ihre betreuende Partnerin sie bat, vor dem Telefonat am Nachmittag eine Reihe von NDAs durch das neue KI-Tool der Kanzlei laufen zu lassen. Sie öffnete das Tool und tippte den ersten Prompt, der ihr einfiel: “Schreibe mir eine Zusammenfassung dieser NDAs.” Die Ausgabe wirkte makellos: saubere Absätze, selbstbewusste Formulierungen, eine Zusammenfassung, die klang, als wüsste sie genau, wovon sie sprach. Mira wollte sie fast direkt an die Partnerin weiterleiten.
Dann fiel ihr auf, dass eine Klausel ein anwendbares Recht nannte, das in dem NDA gar nicht erwähnt wurde. Nichts in ihrer Ausbildung hatte sie darauf vorbereitet, so etwas zu erwarten oder zu prüfen. Diesmal hat sie es bemerkt. Sie war sich nicht sicher, ob sie es auch beim nächsten Mal bemerken würde.
Genau in dieser Lücke, zwischen dem Zugang zum Tool und dem Wissen, wie man es sicher einsetzt, passieren die meisten Fehler im juristischen KI-Einsatz.
Warum KI-Kompetenz wichtig ist
Die Relevanz lässt sich auf drei wichtige Aspekte herunterbrechen:
- Risiko: KI-Tools liefern flüssig und selbstbewusst klingende Ausgaben, die manchmal falsch sind. Ein erfundenes Zitat oder eine erfundene Klausel liest sich genau wie eine echte, und genau das macht unbeaufsichtigte KI riskant. Mata v. Avianca ist der Fall, den in der Legal-Tech-Branche mittlerweile jeder zitiert, aus gutem Grund: Ein Anwalt reichte einen Schriftsatz ein, der auf von einem Chatbot erfundenen Urteilen basierte, und verteidigte diese Zitate sogar vor Gericht. Bis ein Richter den Irrtum bemerkte und die beteiligten Anwälte sanktionierte.
- Ethik: Sorgfaltspflicht, Kompetenz und Vertraulichkeit pausieren nicht, nur weil ein Tool den ersten Entwurf geliefert hat. Wer nicht erklären kann, warum ein Modell eine bestimmte Antwort gegeben hat oder wohin Mandantendaten nach der Eingabe gelangt sind, sollte sich nicht auf diese Antwort vor Mandanten oder Gericht verlassen.
- Effizienz: Dieser Punkt wird häufig unterschätzt. Ohne entsprechende Kompetenz vermeidet ein Team KI entweder ganz und verschenkt so die möglichen Zeitersparnisse. Oder es vertraut der KI blind, was am Ende mehr Nacharbeit erzeugt, als es einspart, sobald jemand die Fehler im Nachhinein ausbügeln muss. Erst mit der notwendigen KI-Kompetenz wird der Effizienzgewinn real, sonst übersteigen die Kosten künftiger Aufräumarbeit jegliche Einsparungen.
Schlüsselbegriffe im Alltag
Zu wissen, was ein Begriff wirklich bedeutet, ist ein wichtiger Schritt zum sicheren Umgang mit KI. Dieses Wissen zahlt sich aus, wenn der Begriff in einem echten Dokument oder im Kontext einer knappen Frist auftaucht. Die drei folgenden Konzepte kommen im juristischen KI-Alltag ständig vor. Je besser Sie sie verstehen, desto präziser können Sie KI steuern.
- Prompt Engineering in der Vertragsprüfung: Ein vager Prompt liefert eine vage, unzuverlässige Antwort. “Fasse mir diesen NDA zusammen” ist ein Prompt, der die KI quasi dazu einlädt, zu halluzinieren. “Liste jede Klausel in diesem NDA auf, der ein anderes anwendbares Recht als deutsches Recht nennt, und markiere alle Klauseln, die einen nicht definierten Begriff enthalten.” gibt der KI eine konkrete Aufgabe mit einer überprüfbaren Antwort. Der zweite Prompt ist nicht raffinierter formuliert. Er ist nur präzise genug, dass eine falsche Antwort sofort auffallen würde.
- Halluzinationen: Wenn Sie ein KI-Tool bitten, aktuelle Rechtsprechung zu Wettbewerbsverboten in einer bestimmten Rechtsordnung zusammenzufassen, kann es passieren, dass es einen Absatz liefert, der eine Gerichtsentscheidung mit plausibel wirkendem Aktenzeichen zitiert, die es aber gar nicht gibt. Das eigentliche Risiko liegt jedoch darin, dass es aufgrund der Formulierung gar nicht auffällt: Halluzinierte Ergebnisse sind nicht wirr oder offensichtlich fehlerhaft. Sie sind flüssig formuliert, und genau deshalb müssen sie jedes Mal gegen eine echte Quelle geprüft werden.
- Vertraulichkeit: Geben Sie keine ungeschwärzten Mandantendaten (Deal-Details, Fallinformationen, Namen) in einen öffentlichen Consumer-Chatbot ein. Solche Tools können Eingaben speichern oder für Training nutzen, und damit hat ihr Team die Kontrolle über diese Daten verloren. Nutzen Sie stattdessen ein Tool mit Auftragsverarbeitungsvertrag und klaren Hosting-Bedingungen, und schwärzen Sie, was sich schwärzen lässt, bevor überhaupt etwas eingegeben wird. Stellen Sie sich eine Mitarbeiterin vor, die gerade das Term Sheet eines Mandanten in ein öffentliches KI-Tool einfügen will, um schneller eine Zusammenfassung zu bekommen, es im letzten Moment bemerkt und dieselbe Aufgabe stattdessen über das geprüfte Tool der Kanzlei oder Rechtsabteilung erledigt. Genau diese eine Gewohnheit macht den größten Unterschied zwischen sicherem und unsicherem KI-Einsatz.
Häufige Fehler
- Sich zu sehr auf KI-Zusammenfassungen verlassen. Die Zusammenfassung statt des zusammengefassten Dokuments lesen und danach handeln, als wäre sie selbst die Quelle.
- Ausgaben nicht überprüfen. KI-Entwürfe an Mandanten oder Gericht weiterleiten, ohne Zitate, Zahlen oder Klauseln gegen eine Primärquelle zu prüfen.
- Anbieteraussagen als Garantien behandeln. “Enterprise-tauglich” oder “halluzinationsfrei” ist Marketingsprache, keine Spezifikation. Fragen Sie nach, was die Aussage konkret bedeutet und wie sie getestet wird.
- Vertraulichkeitsprüfungen überspringen, weil ein Tool sicher wirkt. Eine saubere Oberfläche sagt nichts darüber aus, wo Daten gehostet werden oder ob sie für Training verwendet werden.
Praktische Schritte für Kanzleien
- Leitplanken festlegen, bevor jemand anfängt. Schriftlich festhalten, welche Tools zugelassen sind, welche Datenkategorien hinein dürfen und wann eine menschliche Prüfung verpflichtend ist, bevor eine Ausgabe Mandanten erreicht. Eine Person als Ansprechperson für KI-Fragen benennen, damit das Team eine Anlaufstelle hat, statt dass jede Person einzeln herumrätselt.
- Erst das Tool selbst prüfen. Auftragsverarbeitungsvertrag, Hosting-Standort und den Umgang mit eingegebenen Daten klären, bevor irgendjemand das Tool für Mandantenarbeit nutzen darf. Das ist dieselbe Vertraulichkeitsprüfung wie oben, nur einmal auf Kanzleiebene geklärt statt jeder Person einzeln überlassen.
- Strukturierte Schulungen statt einmaliger Einführung. Eine einzelne Präsentation vermittelt nicht das Gespür, eine halluzinierte Klausel zu erkennen. Eine praktische Session mit echten Dokumenten und echten Fehlerbeispielen schon.
- Mit risikoarmen, überprüfbaren Aufgaben beginnen. Eine Erstprüfung oder Routine-Entwürfe, bei denen eine falsche Antwort leicht auffällt, schaffen Vertrauen in das Tool und den Prozess, bevor er an anspruchsvollere Aufgaben herangeht.
Keiner dieser Schritte erfordert einen technischen Hintergrund, und keiner passiert über Nacht. Was sie zusammen aufbauen, ist genau das Gespür, das Mira in der Eingangsgeschichte noch fehlte: die kurze Pause, bevor etwas rausgeht, und das konkrete Wissen, was dabei zuerst zu prüfen ist. Genau dieses Gespür macht aus KI ein Werkzeug, auf das sich eine Kanzlei tatsächlich verlassen kann, statt eine Abkürzung, bei der sie nur hofft, dass sie funktioniert.
FAQ
Was bedeutet KI-Kompetenz in der Praxis für Anwälte?
Es bedeutet genug Fachwissen, um KI-Tools zu nutzen, ohne Berufspflichten zu verletzen: einen präzisen statt vagen Prompt schreiben, erkennen, wann eine Ausgabe halluziniert sein könnte, wissen, welche Daten in ein Tool dürfen, und alles prüfen, bevor es Mandanten oder Gericht erreicht.
Was ist eine Halluzination bei KI-Ausgaben, mit einem Beispiel?
Eine Halluzination ist eine selbstbewusste, flüssig formulierte Ausgabe, die inhaltlich falsch ist. Bitten Sie ein Tool, Rechtsprechung zu einem engen Thema zusammenzufassen, und es kann einen Absatz liefern, der eine Gerichtsentscheidung mit plausiblem Aktenzeichen zitiert, die es gar nicht gibt. Es liest sich wie ein echtes Zitat, bis jemand nachprüft.
Was darf niemals in einen öffentlichen KI-Chatbot eingegeben werden?
Ungeschwärzte Mandantendaten: Namen, Deal-Details, Fallinformationen, alles, was unter Vertraulichkeit oder Mandatsgeheimnis fällt. Öffentliche Consumer-Tools können Eingaben speichern oder für Training nutzen, wodurch Mandantendaten die Kontrolle der Kanzlei verlassen. Nutzen Sie stattdessen ein Tool mit Auftragsverarbeitungsvertrag und klaren Hosting-Bedingungen.
Was ist der häufigste KI-Fehler in der juristischen Arbeit?
Sich zu sehr auf eine KI-generierte Zusammenfassung zu verlassen, ohne das zugrunde liegende Dokument zu lesen, oder KI-Ausgaben weiterzuleiten, ohne sie gegen eine Primärquelle zu prüfen. Flüssiger Text ist nicht dasselbe wie korrekter Text, und die Verantwortung für das Endergebnis bleibt bei der Person, die es versendet hat.
Welche Absicherungen sollte eine Kanzlei vor dem KI-Einsatz einführen?
Schriftliche Leitplanken dazu, welche Tools zugelassen sind und welche Daten hineindürfen, eine Prüfung von Auftragsverarbeitungsvertrag und Hosting des Tools, bevor es für Mandantenarbeit genutzt wird, strukturierte Schulungen statt einer einmaligen Einführung, und eine verpflichtende menschliche Prüfung, bevor KI-Ausgaben Mandanten erreichen.
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